Begrüßung Wilhelm-Reich-Kongress

Heike Buhl am 3.11.2007

Liebe Gäste,liebe Freunde, liebe Mitstreiter und Mitdenker,

ich möchte Sie herzlich willkommen heißen zu unserem Kongress „Sexualität und Lebensenergie – Wege der Hingabe, Wege zur Lust“.

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Diesen Kongress haben wir, die Wilhelm-Reich-Gesellschaft zur Erforschung lebensenergetischer Prozesse, den zentralen Begriffen des Werks von Wilhelm Reich gewidmet – jenem Mann, dessen Todestag sich heute zum 50. Mal jährt. Dieser Todestag ist ein ganz besonderer, denn Reich hatte in seinem Testament verfügt, dass zentrale Teile seines Werkes bis zu diesem Datum verschlossen bleiben sollten.

Der Grund: er war ein Querdenker - er war ein großer Geist, geradezu ein Wilderer auf dem Baum der Erkenntnis - der dennoch oder gerade deshalb immer wieder missverstanden und angefeindet wurde. Seine Hoffnung war, dass spätere Generationen sein Werk besser zu würdigen wüssten als es zu seinen Lebzeiten der Fall war.

Vieles aus Leben und Werk von Wilhelm Reich hat unser Leben in den vergangenen 50 Jahren bereits verändert, ohne dass wir es bewusst auf diesen Namen zurückführen. Reich war der erste Arzt, der die sanfte Geburt praktizierte. Seine Vorstellungen von Sexualökonomie und Arbeitsdemokratie beeinflussten die Gründer der ersten Kinderläden in Deutschland. Durch einen intensiven Schriftwechsel mit seinem Freund Alexander Neill nahm Reich maßgeblich auf die Entwicklung der ersten selbstregulierten Schule in Summerhill Einfluss. Die Weiterführung seiner Arbeit durch seine Tochter Eva Reich  führte zur Gründung von zahlreichen staatlich geförderten Schreibabyambulanzen, in denen Eltern und Säuglinge in Krisen betreut werden.

Die Thesen aus Reichs erstem Buch, „Die sexuelle Revolution“, wurden von der 68-er-Generation wieder aufgegriffen: die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden kritisiert, jedem Menschen das Recht auf sexuelles Glück zugesprochen. Reich wurde in dieser Zeit stark verkürzt wiedergegeben, denn es ging ihm nicht um die rein körperliche Triebabfuhr, sondern um die Verbindung von Sexualität undIntimität. Und doch hat er zur sexuellen Freiheit, von der meine und die folgenden Generationen dann profitierten, vieles beigetragen. -  Die Sexualaufklärung, die er in der „Sexpol-Bewegung“ begann, wird heute in den Schulen, aber auch z. B. von ProFamilia weiter geführt.

Reich war Entdecker mikrobiologischer Strukturen, die mit der Entstehung der Krebserkrankung in Verbindung stehen und Entdecker der gesundheitsschädigenden Wirkung von radioaktiver Niedrigstrahlung, die noch heute von Betreibern von Kernkraftwerken negiert wird. Seine energetische Sichtweise  wurde auf Naturwissenschaften angewendet und zur Behandlung von biologischen Strukturen, z. B. in der Revitalisierung von Gewässern benutzt.

Reich war Pionier der Psychosomatik und Urvater aller körperorientierten Therapien sowie der Gestalttherapie. Er erkannte den Zusammenhang von Körper und Psyche, den Einfluss emotionaler Faktoren auf das vegetative Nervensystem und er untersuchte das Strömen und Pulsieren der Lebensenergie als gemeinsames Wirkprinzip aller lebendigen Vorgänge. Die Zusammenhänge von lebensgeschichtlichen Faktoren und Erkrankungen finden wir heute in der Psychoonkologie und Psychoneuroimmunologie wieder.

Reich entdeckte die Möglichkeit, Lebensenergie – er nannte sie „Orgon“ -  in einem sog. Orgonakkumulator zu verdichten und sie so dem menschlichen Organismus gesundheitsstärkend zukommen zu lassen. Er widmete sich intensiv der Erforschung dieser Lebensenergie, die in östlichen Traditionen seit Jahrtausenden bekannt ist,  doch er benutzte dazu – und das ist neu - westliche, naturwissenschaftliche Methoden.

Den jetzigen Kongress möchten wir zum Anlass nehmen, einen aktuellen Blick auf die zentralen Begriffe in Reichs Werk zu werfen: Sexualität und Lebensenergie. Die Rolle der Sexualität für unsere Gesundheit ist noch immer weitgehend unbekannt. Eine befriedigende Sexualität ist laut Wilhelm Reich die Voraussetzung für Vitalität und Wohlbefinden, ein direkter Weg, unsere Lebensenergie anzuregen. Sexualität und Lebensenergie bedingen einander, sind zwei Seiten derselben Medaille. Nur wenn die Lebensenergie im Körper frei strömen kann, kann sich auch unsere Sexualität entfalten.

Voraussetzung dafür ist, dass unser Körper frei ist von innerer Anspannung, von muskulärer und geistiger Verhärtung, von der Last unterdrückter Gefühle. Nur wenn der Körper durchlässig ist, wenn unsere – wie Reich es nannte – „muskuläre Panzerung“ abgeschmolzen ist, sind wir frei, die Hingabe in der sexuellen Vereinigung zu erleben – mit dem ganzen Körper und nicht nur mit den Genitalien. Andererseits ist das Erleben der sexuellen Vereinigung in einer Haltung der Liebe mit dem uns liebsten Menschen DIE Kraftquelle für unsere Lebensenergie schlechthin.

Auch heute ist die Frage, wie sexuelle Lust und Herzenskontakt sich vereinen lassen, so brisant wie vor 50 Jahren – ebenso wie die Frage, ob sich denn Leidenschaft und langjährige Partnerschaften überhaupt miteinander vertragen. Die sexuelle Befreiung hat stattgefunden – doch sind wir wirklich befreit? Sexualität ist überall verbreitet, so offen wie nie, dabei aber auch so abgespalten und verklemmt wie nie. Die Scheidungsraten nehmen zu, statt sexuelle und andere Krisen in  der Ehe als Möglichkeit gemeinsamen Wachstums zu begreifen, gehen wir zum nächsten, nur vermeintlich besseren Partner über. Pornos gibt es an jeder Ecke, „Ruf mich an“- Werbung in jedem Spätprogramm. Sexualität ist eine Ware geworden, ein Konsumobjekt.

Doch ein geist-und lieblos gewordener Sex führt nicht zu tiefem Kontakt, zur lebendigen Begegnung, zu wirklicher Befriedigung. Und: wie gesellschaftsfähig ist Sexualität denn heute wirklich? Wir haben im Vorfeld dieses Kongresses erlebt, wie unsere Flyer im Papierkorb landeten, kaum dass wir uns umgedreht hatten, weil man „mit so einem Schmuddelkram“ nichts zu tun haben wollte. Wir haben Kommentare gehört wie „zu diesem Kongress komme ich nicht, ich bin noch nicht so weit“, „das Thema ist mir zu heiß“, „da werde ich ja rot“ – aber auch „das betrifft mich nicht mehr“. So schwankt unser Umgang mit Sexualität zwischen Verdrängung, Ängsten und Pseudobefreiung.

Zum Abschluss möchte ich Ihnen einen Text vorlesen, den Wilhelm Reich im Januar 1953 als eine Art biografischer Erinnerung niederschrieb. Reich spricht hier von sich als „stillem Beobachter“ in der 3. Person, und er schildert eine Liebesnacht mit einer italienischen Frau, die er als junger Offizier im 1. Weltkrieg erlebte.  

Dieser Text mag uns, wenn wir dafür offen sind, an die Sehnsucht erinnern, die uns allen innewohnt, und die doch so selten Befriedigung erfährt.

Reichs “italienische Nacht“

“Er erfuhr die wahre Bedeutung von Liebe. Mit dieser Frau war die Umarmung vollständig anders als irgendeine Erfahrung, die er vorher hatte. Er konnte zunächst keine Worte finden, die diesen Unterschied genauer hätten beschreiben können. Begriffe wir ‘süß’, ‘schmelzend’, ‘schweben im All’, ‘befreit von der Schwerkraft der Erde’ scheinen mir am nächsten zu kommen.

Gewöhnlich bleibt der Geist in der genitalen Umarmung irgendwie abseits und das Genitalorgan erscheint irgendwie abgelöst vom übrigen Körper, indem es sein ‘Geschäft’ der Lust verrichtet. Der Partner wird als ‘jemand anderes’ gefühlt, wenn auch nicht vollständig fremdartig oder unangenehm fremd. Die ‘Berührung’ des Körpers und insbesondere der Genitalorgane, obwohl lustvoll und warm, berührt nicht das ganze Selbst. Das Selbst ist der Macher viel eher als das Objekt der Liebe. Dies scheint ausgedrückt zu sein in dem amerikanischen Begriff ‘making love’, welcher die Umarmung bezeichnet.

WR kannte diese Art von ‘Liebemachen’ seit vielen Jahren, wie andere Männer in der Adoleszenz auch, die durch die Zäune einer fest geschlossenen öffentlichen Moral hindurchgebrochen waren. Aber hier, zum ersten Mal, ‘fiel er in Liebe’ (he fell in love). Er war nicht bloß ein Mann in Verbindung mit einer Frau. Er war verloren in der Erfahrung. Es gab keine Grenzlinie zwischen ihm und der Frau. Es gab nicht die letzte erfahrungsmäßige Unterscheidung zwischen den beiden Organismen. Sie waren ein Organismus, so als ob sie ineinander vereint oder verschmolzen waren.

Alles in dieser Einheit war fließend und strömend. Es gab keinen ‘Gedanken’ darüber ‘dies zu tun’ oder das ‘zu versuchen’, und es konnte keinen geben. Das schmelzende, strömende Ineinanderverschmelzen war ruhig und majestätisch, ohne jede Eile, um die endgültige Erfüllung zu erreichen. Ihr Liebesorgan umschloss und liebkoste sanft sein Organ. Dankbarkeit und ein tiefer Ernst erfüllte die zweifache Einheit.Als der Orgasmus sie schließlich übermannte, brachen sie in Tränen aus, in einer ruhigen, jedoch intensiven Weise, und sie versanken tiefer und tiefer ineinander.

Als die süßen Wellen vorübergegangen waren, gab es immer noch eine wiegende Bewegung, wie das sanfte Schaukeln eines Bootes. Sie ruhten ineinander für lange Zeit bis sie in vollständiger Glückseligkeit in einen tiefen Schlaf fielen. Die Einheit der beiden Organismen bestand durchgängig während des ganzen Schlafs. Am Morgen fühlten sich ihre Glieder rein und leicht an. Es gab eine vollkommene Klarheit in den Sinnen und Reinheit der Emotion. Kein schlechter oder schmutziger Gedanke konnte emporsteigen in ihr Bewusstsein in diesem emotionalen Zustand. Sie waren liebenswert und liebend.

Von diesem Tag an, wusste WR, was und wie ‘es’ war.“

Kommentieren deaktiviert | Druckansicht ;   verfasst am 24.11.2007 von Heike Buhl
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